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TRO-CD 01438 - Max Reger, PIANO PIECES . KLAVIERWERKE

Neuveröffentlichung
Juli 2010


Wolfram Lorenzen erschließt Max Regers Klavierkosmos

Wolfram Lorenzen hat sich seit langer Zeit als exquisiter Interpret der großen deutschen Klaviertradition, insbesondere der Musik Robert Schumanns und Max Regers, hervorgetan. Endlich wird ihm nun auch die dessen gebührende Aufmerksamkeit zuteil, indem das Münchner Label Troubadisc sukzessive Rundfunkaufnahmen Lorenzens remastern lässt und auf CD zusammenstellt. Das Lob der Kritik ist eminent, gerade auch zu den zuletzt erschienenen Veröffentlichungen. So hieß es in Klassik heute zur Gesamtaufnahme von Robert Schumanns Noveletten (TRO-CD 01435), die einem stets unterschätzten Meisterzyklus interpretatorische Gerechtigkeit widerfahren lässt, dies sei „eine mutige, kraftvolle Interpretation und ein wertvoller, insgesamt hochsolider, verantwortungsvoller Beitrag zum Schumann-Jahr“.

Und Salzburgs erfahrener Klavierpapst Peter Cossé pries die Aufführungen von Max Regers kolossalem Klavierkonzert, Mendelssohns Capriccio brillant und Bartóks Rhapsodie op. 1 mit enthusiastischen Worten: „In erster Linie verneige ich mich vor Lorenzens gescheiter, kraftvoller, aber auch umsichtig-maßvoller Virtuosität.“

Nun also Lorenzens erstes Reger-Soloalbum, zusammengestellt aus hochklassigen Rundfunkaufnahmen der neunziger Jahre. Hauptwerk sind die legendären Variationen und Fuge über ein Thema von Johann Sebastian Bach op. 81, mit dem uns Reger in Eduard Erdmanns Worten „Großes gab“, einen „Wunderbau mit seinem gottesdienstlichen Inhalt“. Komponiert im Sommer 1904, hielt Reger selbst das grandios konzipierte Werk für „das Beste, was ich bisher geschrieben habe“. Hier führt er erstmals in souveräner Manier seine neue, revolutionäre Technik des Variierens eines an und für sich bereits komplexen Themas in einem großen Zyklus vor. Anders als seine Vorläufer wie Beethoven oder Brahms bricht Reger den Zusammenhang der thematischen Gestalt auf, erlaubt Seitentrieben und Nebengedanken, umfangreiches Eigenleben zu entfalten, und schafft so eine kaleidoskopisch mannigfaltige Großform, die weit über das hinausgeht, was im Bach’schen Originalthema im Keim angelegt ist. Damit ging Reger einen entscheidenden Schritt hinein in die kühnen Gefilde einer chromatischen Moderne, wo ihm so unterschiedliche Meister wie Schönberg, Szymanowski, Prokofjew oder Hindemith nachfolgen sollten. Sie alle sind ohne seinen Pioniergeist so nicht zu denken. Mit überlegener Meisterschaft entfaltet Lorenzen die mächtige Architektur, die in einer klar strukturierten Wiedergabe der krönenden Finalfuge gipfelt.

Die weiteren Werke auf der CD sind zwar heute kaum bekannt, jedoch gleichfalls substanzielle Schöpfungen der nachromantischen deutschen Klavierliteratur: zwei der vier Sonatinen op. 89, die von ihrem Umfang und der kunstreichen Durchführungstechnik her eigentlich als vollgültige, kompakt gefasste ausgewachsene Sonaten gelten dürften, hätte Reger nicht aus Respekt vor Beethoven den Gattungsbegriff zögerlich umgangen. Und die fünf wundervoll vielgestaltigen Humoresken op. 20 von 1898, die zum Besten aus der Feder des jungen Max Reger zählen und in so eigenständiger wie fesselnder die Geschichte der von Schumann begründeten romantischen Gattung ‚Humoreske’ weiterschreiben. Lorenzens Spiel trägt vollendet dazu bei, in Reger den würdigen Fortführer und zugleich kühnen Überwinder der klassisch-romantischen Klaviertradition zu seinem Recht kommen zu lassen. Eine Fundgrube von großen Entdeckungen für jeden aufgeschlossenen Hörer!


Klassik-heute
, 27.09.2010

Eines der Hauptprobleme der Reger-Interpretation ist es, die häufig sehr ausgreifenden Formen mit all ihren mäandernden (und kühnen!) harmonischen Zwischenstufen zusammenzufassen, ihnen eine Richtung zu geben, Form zu generieren. Genau in dieser Beziehung glückten dem Freiburger Pianisten Wolfram Lorenzen Anfang der 1990er Jahre eine Reihe wirklich adäquater Reger-Spielweisen für den Saarländischen bzw. den Schweizer Rundfunk. Sowohl kleinere Formzusammenhänge als auch ein weit dimensioniertes Variationenwerk unterstellte er sehr überzeugend seinem energischen Zugriff.

Dabei kommt es in den beiden hier vorgestellten Sonatinen op. 89/1 und 3 darauf an, das scheinbar improvisierte Material in seinen Reihungen organisch zu vermitteln und gleichzeitig aus den überaus attraktiven Einfällen die möglichste ästhetische Valenz zu entwickeln. Lorenzen vertieft, aber nur vereinzelt und stets genau dosiert, nimmt das Heft gleichsam schnell wieder in die Hand: Seine Agogik ist phantasievoll, doch nie exzessiv. Dabei hilft ihm seine perfekt geführte Klangregie, die auf einem überlegen kontrollierten Anschlag gründet, der großen Modulationsreichtum zulässt, aber die umherwandernde Harmonik Regers auch sehr kompakt bindet.

Bei den großen Bach-Variationen op. 81 fährt diese Anschlagskultur noch einmal einen ungeahnten Mehrwert ein, weil hier die bewusst wenig brillante Abbildung des Klaviers geradezu erdige Qualität erhält. Lorenzen zeigt viel Gespür für die Tiefe des Instrumentes, er setzt sehr präsente, wie bohrende Passagen im Bass, aber nicht etwa mulmig, sondern sehr transparent. Viel kann Lorenzen auch anfangen mit den grellen, manchmal plötzlich aufschreienden Passagen sowie den Ausbrüchen von Virtuosität, die fast alle aus der Modulation innerhalb des Themas herrühren, die Reger daher natürlich besonders interessiert hat. Diese Variationen sind also nicht Zeugnis einer dunklen, verschatteten, aus ferner Vergangenheit herüberschallenden, romantischen Bach-Pflege, wie noch die Einleitung suggeriert: Reger erreicht in einem sicheren Weg die Reflexionshöhe seiner Zeit.

Michael B. Weiß


Bewertungsskala: 1-10

Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität: 10
Gesamteindruck: 10

Klassik-heute-Empfehlung





 
letzte Änderung

(18.07.2014 - 16:25 Uhr)

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Sonatine op.89 Nr.1 (1905-1908)
Fünf Humoresken op.20 (1898)
Sonatine op.89 Nr.3 (1905-1908)
Variationen und Fuge über ein Thema von Joh. Seb. Bach op.81 (1904)

Wolfram Lorenzen, Klavier

Wolfram Lorenzen