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TRO-CD 01441 - Honegger - Martin

Presseinformation


Arthur Honeggers La Danse des morts und Frank Martins Requiem

Katholische Mystik und expressionistische Askese


Lange Zeit hat man der Musik der Schweiz im 20. Jahrhundert relativ wenig Beachtung geschenkt. Arthur Honegger, einstiges Mitglied von ‚Les six’, wurde quasi als Franzose gehandelt, und die historische Bedeutung von Meistern wie Othmar Schoeck oder Frank Martin wurde heruntergespielt. Freilich hat der dauerhafte Erfolg einiger Werke Martins, darunter insbesondere das Oratorium ‚Golgotha’, hier von selbst für eine Korrektur gesorgt und ihn in den Stand eines ‚Klassikers der Moderne’ erhoben. Hingegen ist Honeggers Stern ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod etwas verblasst, obwohl er einige Werke verfasst hat, die zu den großen Mythen der Moderne zählen, wie die Oratorien ‚Le roi David’ und ‚Jeanne d’Arc au bûcher’, die Maschinen-Tondichtung ‚Pacific 231’ oder die ‚Symphonie liturgique’. Arthur Honegger (1892-1955) und Frank Martin (1890-1974) waren die zwei bedeutendsten Komponisten der französischsprachigen Schweiz. Sie waren nicht nur fast gleichaltrig, sondern auch beide durchdrungen von einem philosophisch-religiösen Idealismus, dessen Inbrunst sich teils in schmerzlichen Dissonanzen kundtut und bei aller dunklen Klangpracht aus einer asketisch expressionistischen, ernüchterten Haltung schöpft, die das schwelgende Sehnen der Spätromantiker hinter sich gelassen hat.

Arthur Honeggers ‚La Danse des morts’ entstand 1938, nach den oratorischen Erfolgen von ‚Le Roi David’ und ‚Jeanne d’Arc au bûcher, in enger Zusammenarbeit mit dem großen Dichter Paul Claudel, der nicht nur die Texte verfasste, sondern auch den dramaturgischen Aufbau verantwortete. Zu ‚La Danse des morts’ für Soli, Chor, Orchester und einen Sprecher wurde Claudel von Hans Holbeins d. J. Holzschnitten vom Baseler Totentanz inspiriert. Claudels ‚Totentanz‘ mit seiner panchristlichen Botschaft, beinhaltet, so Honeggers Bericht, „lange Nachdichtungen der Bibel, der Vision Ezechiels, Fragmente von Hiob, etwas umgearbeitete Volkslieder, Schreie, Schluchzer, lateinische Phrasen“. Das halbstündige, sehr abwechslungsreiche, teils holzschnittartig Werk spannt den Bogen von der dramatischen Introduktion über die kunstreich kontrapunktierte, skeletthaft morbide Volkslieder-Collage des Totentanzes, das hypnotisch ergreifende Lamento und die kollektiven Schreie der Sanglots bis hin zur machtvollen Schluss-Affirmation. Die französisch gesprochenen Texte werden in der vorliegenden Aufnahme von Christoph Bantzer in frappierend einfühlsamer Weise in das musikalische Geschehen integriert. ‚La Danse des morts’ stand stets etwas im Schatten seiner oratorischen Vorgänger und erfährt in dieser mitreißenden Aufführung so etwas wie eine späte Auferstehung.

Anders als Honeggers Totentanz, der sozusagen in der Blüte des Lebens entstand, schrieb Frank Martin nach langem Aufschub sein Requiem 1972 als über Achtzigjähriger. Es ist ein fast dreiviertelstündiges Werk mit einem gewaltigen Dies irae voll zerklüfteter Gegensätze, eines jener zugleich erratischen und in ihrer Reife und Meisterschaft überwältigenden Spätwerke, in welchem der Komponist die Summe seiner Lebenserfahrung und -philosophie zieht und dem Schmerzensschrei eines Jahrhunderts der Schrecken abgeklärten und zugleich zutiefst erschütternden Ausdruck verleiht. Martin war immer ein gläubiger und integrer Geist gewesen. Das Requiem (für Soli, Chor, Orchester und Orgel) ist der verinnerlichte Höhepunkt seiner Sakralmusik, eine Musik, die in ihrer Bloßlegung der inneren Pein und fast ins Sachliche transzendierten Trauer niemals populär werden konnte. Sie wird aber in ihrem zwischen Herbheit und Meditation vielschichtig navigierenden Tonfall um so mehr all die bereichern, die sich mit der tönenden Oberfläche nicht begnügen wollen. Ein im wahrsten Sinne des Wortes tiefschürfendes Kunstwerk, das desto mehr zurückgibt, je tiefer man in seine Mysterien eindringt, wofür die glutvoll eindringliche Aufführung der Kantorei St. Nikolai Hamburg und der Hamburger Camerata unter Matthias Hoffmann-Borggrefe mit ausgezeichneten Solisten bestmögliche Bedingungen bereitstellt.


Klassik-heute, 20.08.2012

A. Honegger • F. Martin

Zwei starke (und wenig bekannte) Stücke sakraler Musik von Schweizer Komponisten des 20. Jahrhunderts hat das Münchner Label Troubadisc hier in einer Live-Aufnahme aus der Hamburger Nikolai-Kirche dokumentiert.

Arthur Honeggers La danse des morts (1938) ist ein Musterbeispiel für eine geradezu symbiotische Vereinigung von Dichtung und Musik. Zum zweitenmal – nach dem Oratorium Jeanne d’Arc au bûcher – arbeitete der Komponist hier mit dem französischen Dichter Paul Claudel zusammen, der sich von einer Holzschnittserie Hans Holbein des Jüngern inspirieren ließ. Claudel hatte bei der Niederschrift des Textes, der sich auf verschiedene Bücher des Alten Testaments bezieht und durch umgearbeitete Volkslieder und lateinische Phrasen ergänzt wird, ziemlich genaue Vorstellungen von der dazugehörenden Musik und Honegger nahm seine Anregungen bereitwillig auf, weil sie auch seinen eigenen Vorstellungen entsprachen.

Die angewandten Stilmittel sind dabei sehr vielfältig und kontrastreich, reichen von introspektiven, visionären Passagen, bei denen dem Sprecher und dem Chor die zentrale Rolle zufällt, bis zu Schreien und Schluchzen (in den „Sanglots“). Den nachhaltigsten Eindruck hinterlässt der zweite Abschnitt der Komposition, der titelgebende Danse des morts, in dem Honegger virtuos mit der Collage-Technik arbeitet, drei französische Volkslieder (Sur le pont d’Avignon, Nous n’irons plus au bois, Carmagnole) mit dem Dies irae gespensterhaft verquickt.

Auch Frank Martins Requiem (1972) ist ein Werk von außerordentlicher Originalität, denn es reflektiert die religiösen Inhalte und auch die Formen, diese musikalisch zu vermitteln. Schon in den 1940er Jahren hatte sich Martin mit dem Gedanken getragen, eine Totenmesse zu schreiben, sich aber noch nicht reif dazu gefühlt. Damals erkannte er das Grundproblem sakraler Musik darin, „dass eine allgemeine religiöse Übereinstimmung heute nicht mehr existiert“ und der Komponist damit „vor der Unmöglichkeit (steht), eine Basis für eine wirkliche und generelle Übereinstimmung mit dem Hörer zu finden“. Das gilt heute mehr noch als damals.

Auf einer Mittelmeerreise empfing der über 80Jährige dann angesichts des Markusdoms in Venedig, des Doms in Monreale und des griechischen Tempels in Paestum doch noch die entsprechenden Inspirationen und fand einen ganz persönlichen Zugang zu dem so häufig vertonten liturgischen Text.

Musikalisch verbindet er dabei ganz heterogene Elemente zu einem schlüssigen Ganzen, konfrontiert traditionelle Kantilene und Harmonik mit Ausdrucksmitteln der Moderne wie zwölftönigen Passagen und engen chromatischen Cluster-Klängen. Im Dies irae, dem längsten Part dieses Requiems, erreicht er durch grelle, irrlichternde Klangfarben im Orchester und gespenstische Flüsterchöre eine bildstarke Vision des Jüngsten Gerichts, doch am Ende strahlt versöhnlich Lux aeterna, das ewige Licht. Der Tod hat seinen Schrecken verloren.

Der Kantorei St. Nikolai Hamburg unter ihrem Leiter Matthias Hoffmann-Borggrefe ist in Verbindung mit der Hamburger Camerata und einem tüchtigen, im Klang homogenen Vokalquartett eine ungemein konzentrierte und plastische Interpretation geglückt, wobei die Akustik der Kirche den eher überschaubaren Formationen einen gewaltigen, erhabenen Klang entlockt. Zwei Aufnahmen zum Immer-Wieder-Hören.

Ekkehard Pluta (20.08.2012)


Bewertungsskala: 1-10

Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität: 10
Gesamteindruck: 10

Klassik-heute-Empfehlung


Interpreten:

Christoph Bantzer, Sprecher
Katherina Müller, Sopran
Kaja Plessing, Alt
Michael Connaire, Tenor
Stefan Adam, Bass
Jürgen Henschen, Orgel
Stephanie Daase, Cembalo

Kantorei St. Nikolai Hamburg
Hamburger Camerata
Leitung: Matthias Hoffmann-Borggrefe





 
letzte Änderung

(18.07.2014 - 16:25 Uhr)

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Arthur Honegger, La Danse des morts (1938) Der Totentanz
Gedicht von Paul Claudel
für Sprecher, Soli, Chor, Orchester und Orgel

Frank Martin, Requiem (1972)
für Soli, Chor, Orchester und Orgel

Kantorei St. Nikolai, Hamburg
Hamburger Camerata

Christoph Bantzer, Sprecher
Katherina Müller, Sopran
Kaja Plessing, Alt
Michael Connaire, Tenor
Stefan Adam, Bass
Jürgen Henschen, Orgel
Stephanie Daase, Cembalo

Leitung: Matthias Hoffmann-Borggrefe

Mit Paul Sacher:
Frank Martin 2.v.links
Arthur Honegger rechts

 

 

Paul Claudel und Arthur Honegger

 

 


 

 

Frank Martin dirigiert die
Uraufführung vom Requiem, 
Lausanne 1973


















 

 


 


TRO-CD 01441