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TRO-CD 01442 - Myriam Marbe


Myriam Marbe
Ritual, Serenata, Trommelbass, Requiem

Die Musik Rumäniens spielte im Konzert der internationalen Avantgarde nach dem Zweiten Weltkrieg eine kaum wahrnehmbare Rolle, da das Land von seinen Machthabern isoliert wurde und insbesondere Ceausescu nach chinesischem Vorbild eine nationale Kulturrevolution durchsetzen wollte, die sich gegen alle Einflüsse abschottete. Auffälligerweise waren es in besonders starkem Maße Frauen, die der rumänischen Avantgarde ihre Stimme verliehen, und die Emigrantinnen Adriana Hölszky und Violeta Dinescu haben es vor allem in Deutschland zu nachhaltigem Ansehen gebracht. Darüber ist die 1931 in Bukarest geborene und 1997 ebendort verstorbene Myriam Marbe im Westen immer ein Geheimtipp geblieben, da sie – als völlig unabhängiger Freigeist – auch unter widrigsten Umständen in ihrer Heimat blieb. Myriam Marbes Musik wirkt schlichter, kerniger und unmittelbarer als die ihrer Kolleginnen, dabei jedoch nicht weniger unorthodox und auch keineswegs traditioneller.

Die rumänische Musik seit George Enescu wurzelt überwiegend weniger in kontrapunktischen Techniken als in weitschwingender Monodie und in strengen Strukturvorgaben entgegengesetzter Heterophonie, also einer Art tendenziell anarchistischer Vielstimmigkeit, die oft wie eine expressiv prismatische Auffächerung der Einstimmigkeit wirkt.

Vorliegende Anthologie des Schaffens von Myriam Marbe umfasst 23 Jahre ihres Komponistenlebens – von der 1968 entstandenen, aleatorisch deklamierendenen Wortkomposition für gemischten Chor ‚Ritual für den Durst der Erde’ (ihrem international erfolgreichsten Stück) bis zur reifen Stilsynthese ihres Requiems ‚Fra Angelico – Marc Chagall – Voronet’ auf das Motto ‚Blau – Farbe der Ferne’ von 1990, einer Auftragskomposition des Heidelberger Festivals ‚Komponistinnen gestern – und heute’. Dieses Requiem wirkt in seinen einander fortspinnenden, meist langen Tönen tatsächlich wie eine einzige sich auffächernde und unregelmäßig überlagernde Melodie, die die Textfragmente in mehreren Sprachen (rumänisch, lateinisch, deutsch, altgriechisch und hebräisch) verbindet. Die Musik gehorcht keinerlei strukturellem Dogma, ist unvorhersehbar und von archaischer Kraft, und in ihrer fast improvisatorisch fessellosen Dramatik von einer Einfachheit, die auch ungeübten Hörern sofort zugänglich ist. Das Werk wurde bei der Heidelberger Wiederaufführung 2011 unter Jan Schweiger aufgenommen.

Die übrigen Aufnahmen sind vom rumänischen Rundfunk lizensiert. Der Chor ‚Madrigal’ unter Marin Constantin trägt das ‚Ritual für den Durst der Erde’ vor, das er auf Tourneen in ganz Europa bekannt gemacht hat. Auch die zwei weiteren Werke haben stark rituellen Charakter. Die ‚Serenata. Eine kleine Sonnenmusik’ von 1974 für Klarinette, Streicher, Celesta, Klavier und Schlagzeug ist der Versuch einer „freundlichen, liebenswerten Musik mit den Sprachmöglichkeiten unserer Zeit“, und in der ornamentisch locker gefügten, beredt feinziselierten, transparenten Faktur klingen unüberhörbar Fetzen Bartókscher und Mozartscher Musik an, ohne in das Muster der intellektuellen Collage-Ästhetik zu verfallen. Es ist leichtfüßig verspielte, gleichwohl introspektiv selbstbezogene Musik von eigentümlichem Zauber. ‚Trommelbass’ für Streichtrio und Trommel schließlich ist 1985 entstanden und konfrontiert zwei unvereinbare Welten: Der naturhaft getönten Freiheit des Ausdrucks der drei Streicher stellt sich der obsessive bis aggressive Ostinato-Rhythmus der Trommel entgegen – und das Stück wird zum Symbol des innerlich freien Individuums, das sich von keinem Zwang und keiner Gewalt korrumpieren lässt und letztlich erreicht, dass das starre System (die Trommel) von seiner gleichschaltenden Obsession ablässt und auf einen Herzschlag-Modus einschwenkt: die Vermenschlichung des Unmenschlichen, tönende Botschaft einer weiblichen Ästhetik der Gewaltlosigkeit. Es lohnt sich, die Musik von Myriam Marbe zu entdecken, die der europäischen Musik der Nachkriegszeit ihre unverkennbar eigene Farb- und Ausdruckspalette hinzufügt.


Klassik-heute, 27.08.2012

Außer der dreimaligen Teilnahme an den Darmstädter Ferienkursen und einem Besuch des Festivals im französischen Royan in den 1970er Jahren sowie einem Mannheimer Arbeitsstipendium 1989/90 konnte Myriam Marbe im Westen kaum präsent sein; mit dem kommunistischen Regime in Rumänien hat sie sich nie arrangiert, die politische Wende dort nach 1990 kam für sie, die 1997 starb, zu spät, um im Westen noch bekannter zu werden. Das ist sehr bedauerlich, weil das Komponieren der 1931 geborenen Rumänin als ein kraftvolles Beispiel des Nachserialismus überaus interessant ist. Dieses sehr sorgfältig produzierte und vorbildlich kommentierte Portrait verbessert die Rezeptions-Situation jedoch erheblich.

Zwar arbeitete Marbe mit freien Notationsformen und genau vorgeschriebenen improvisatorischen Passagen, welche sich von der serialistischen Determination verabschiedeten, doch die vier hier versammelten Werke vermitteln eher den Eindruck von formaler Logik, wenn nicht Strenge. Im Ritual von 1968 erwächst die gesamte Form mit ihren Gesängen, Rezitationen, Gebeten und instrumentalen Ausbrüchen aus den anfänglichen elementaren Ausdrucksformen des Heulens und Klagens. 20 Jahre später benutzte Marbe diese sehr expressiven und mittlerweile weiterentwickelten und verfeinerten Techniken in ihrem gut halbstündigen Requiem (1990), in welchem ihre meditative Kunst der Konzentration meisterlich ausgeführt ist.

Während das gewollt spröde Stück Trommelbass von 1985 mit seinem kritischen Marschschritt vielleicht am ehesten die prekären Lebensumstände der Komponistin widerspiegeln könnte, gibt sich die Serenata mit dem Untertitel „Eine kleine Sonnenmusik“ von 1974 am zugänglichsten. Dies ist ein reizvoll helles Stück, eine Art Insektenkonzert in flimmernder Luft, so dass die Mozart-Zitate aus der Kleinen Nachtmusik und der Zauberflöte nicht als Beschwörungen einer besseren Welt wirken, sondern als heitere Ereignisse. Vielleicht könnte man Marbes Werk ausgehend von diesem Stück in den Konzertprogrammen verankern.

Da die Interpretationen sowohl den Ernst des Komponierens erfahrbar machen als auch die quasi heilige Freude am gemeinsamen freien Musizieren, kann diese Platte als ein Einstieg in Marbes Werk nur wärmstens empfohlen werden.

Michael B. Weiß (27.08.2012)

Bewertungsskala: 1-10

Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität: 10
Gesamteindruck: 10

Klassik-heute-Empfehlung

 
Myriam Marbe:

Ritual für den Durst der Erde
Corul Madrigal, Leitung Marin Constantin

Serenata (Eine kleine Sonnenmusik)
Philharmonisches Kammerorchester Brasov
Leitung Ilarion Ionescu-Galati

Trommelbass
Ensemble Romantica

Requiem (Fra Angelico - Marc Chagall - Voronet)
Barbara Werner Mezzosopran
Philharmonisches Orchester Heidelberg
Chor des Theaters Heidelberg
Leitung Jan Schweiger


NZ, 5_2012

- EMPFEHLUNG

MYRIAM MARBE
RITUAL FÜR DEN DURST DER ERDE / SERENATA / TROMMEL-BASS /
REQUIEM

Corul «Madrigal», Marin Constantin; Philharmonisches Orchester Brasov, llarion lonescu-Galati; Ensemble «Romantica»; Barbara Werner, Mezzosopran; Chor und Extrachor des Theaters Heidelberg, Philharmonisches Orchester Heidelberg, Jan Schweiger

Troubadisc TRO-CD 01442

In seiner Vorschule der Ästhetik begreift der Dichter Jean Paul die Idylle musikalisch: als Versuch, den «Misston des Leidens» in Wohllaut zu wandeln. Eine Deutung, die dem Selbstverständnis der rumänischen Komponistin Myriam Marbe (1931-97) recht nahe zu kommen scheint. Wie auch dem ihres späten Schülers Thomas Beimel, der dieses Schaffensporträt mit einem überaus kompetenten Textbeitrag bereichert. Nicht nur, dass er Triftiges über ihre Wesensart, ihre Denk- und Schaffenswelt zu sagen weiß. Er räumt auch auf mit dem medial vermittelten Negativbild des Balkanlandes. Am Ende ahnt der Leser, was es für sie als Künstlerin bedeutete, im Land zu bleiben und die entwürdigende Diktatur Ceausescus zu ertragen, ohne politisch und ästhetisch «klein beizugeben».

Was anfangs eine Art Divertimento für ein befreundetes Streichtrio werden sollte, geriet Marbe 1985 zur «Parabel über den Umgang mit einer aggressiven Staatsmacht». In Trommelbass beginnt irgendwo eine Trommel zu schlagen, erst unscheinbar, dann immer bedrohlicher. Statt Gegengewalt zu üben, setzt die Streichermusik ruhig ihren «mit kleinen Vögeln und diatonischen Motiven» dekorierten Weg fort. Das Licht schien in die Düsternis, und die Düsternis begriff es - so ließe sich der friedliche Herzschlag umschreiben, den die Trommel am Ende annimmt: utopischer Vorschein einer humaneren Welt.

Heiterkeit atmet die 1974 geschriebene Serenata für Klarinette, Streichorchester, Celesta, Klavier und Schlagzeug mit dem vielsagenden Untertitel Eine kleine Sonnenmusik. «Ich wollte einmal eine freundliche Musik mit den Sprachmöglichkeiten unserer Zeit schreiben», notierte die Komponistin dazu. Modal getönte, nach Maßgabe des Goldenen Schnitts sich vergrößernde Klangwellen fuhren allerlei Treibgut mit sich: (imitiertes) Vogelgezwitscher, ein Tanzfragment aus Bartóks Sammlung transsilvanischer Volksmusik, Erinnerungen an Mozarts Kleine Nachtmusik ... Am Ende hinterbleibt eine einsame, spieluhrartige Weise (Papagenos Glocken-spiel?). Ein Ausklang, der von fern an die Schlusstakte von Schnittkes Klavierquintett erinnert.

Schon 1968 - in einer Zeit totaler Isolation, da rumänischen Künstlern sogar der Besuch des «Warschauer Herbstes» verwehrt war - setzte Myriam Marbe dem sozialistischen Folklorekult ein Vokalwerk entgegen, das sich auf alte rumänische Regenzauber-Verse stützt: Ritual für den Durst der Erde. Ursprünglich für eine Amateurgruppe gedacht, genießen Stimmen, Responsorien-Chor und Schlagzeug reich bemessenen Gestaltungsspielraum. Längst trug der Bukarester Kammerchor «Madrigal» unter Marin Constantin das Stück um die Welt.

FraAngelico — Marc Chagall —Voronet hat Myriam Marbe ihr Meisterwerk Requiem für Mezzosopran, Chor und Ensemble (1990) untertitelt. In den Bildern der beiden Maler und den Außenfresken des rumänischen Klosters Voronet sah die Komponistin Blautöne, die ins Grenzenlose hinausweisen. Textlich und musikalisch zehrt das bewegende Werk von Totenklagen und Trauerritualen der Christenheit und des Judentums.

Lutz Lesle

Bewertung: 1 – 5

MUSIK   5
TECHNIK  5
BOOKLET  5





 
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(18.07.2014 - 16:25 Uhr)

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Ritual für den Durst der Erde (1968)
für Stimmen, Responsienchor und Schlagzeug

Corul "Madrigal"
Leitung: Marin Constantin

Serenata - Eine kleine Sonnenmusik (1974)
für Klarinette, Streichorchester, Celesta, Klavier und Schlagzeug

Philharmonisches Kammerorchester Braşov
Leitung: Ilarion Ionescu-Galaţi

Trommelbass (1985)
für Streichtrio und Trommel

Ensemble "Romantica"
George Dima Violine, Stefan Gheorghiu Viola, Constantin Gheorghiu Holban Violoncello, Viorica Ciurila Trommel

Requiem, Fra Angeloco - Marc Chagall - Voroneţ
Barbara Werner, Mezzosopran
Chor und Extrachor des Theaters Heidelberg
Philharmonisches Orchester Heidelberg
Leitung: Jan Schweiger



Myriam Marbe

© Gisela Gronemeyer