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TRO-CD 01447 - VIOLIN SOLO Vol.8

Neuerscheinung
Juni 2016

Karl Amadeus Hartmanns Werk für Violine solo

Die nun vorliegende Einspielung der Werke für Violine solo von Karl Amadeus Hartmann durch die Violinistin Renate Eggebrecht ist erst die zweite Gesamtaufnahme überhaupt, und wartet gleich mit einer Besonderheit auf: sie berücksichtigt erstmalig auch die handschriftlichen Autographe Karl Amadeus Hartmanns. Neben einer Vielzahl an kleineren enthält der Notentext aber auch eine Reihe von entscheidenden Änderungen, die zum Teil erheblich auf das Klangbild Einfluss haben. Die je zwei Suiten und Sonaten schuf der 22-jährige Hartmann im Jahr 1927 in einem einzigen kreativen Schub, und gehören somit zu seinen frühesten überlieferten Kompositionen. Ausgestattet mit einem Hunger nach allem Neuen und einer Unbedingtheit, die auch seine Musiksprache widerspiegelt, erprobte er sich weltoffen in allen möglichen Stilen, die damals en vogue waren.

Gemeinhin betrachtet man das Jahr 1933, die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland, als entscheidendes Momentum in der Werkgenese des Komponisten Karl Amadeus Hartmann. In vielerlei Hinsicht trifft das sicherlich auch zu und seine musikalische Intention erfährt unstrittig eine Verdichtung. Spuren des instrumentalen Experimentierens, des grell Provozierenden, Parodistischen und des sozialkritisch Persiflierenden scheinbar hinter sich lassend, komponiert Hartmann 1933/34 sein 1. Streichquartett als Reaktion auf die Machtergreifung der Nationalsozialisten und die ersten Judenverfolgungen. Aber bei genauerer Betrachtung lassen sich auch im Frühwerk wesentliche stilistische Charakteristika ausmachen, die das gesamte Œuvre Hartmanns nachhaltig prägen.

Im 4. Satz der 1. Sonate findet sich z. B. erstmalig ein Motiv, das in die musikwissenschaftlichen Termini als „Klage-Chiffre“ Eingang fand. Just mit diesem Motiv sollte Hartmann 1939 sein - synonym für Trauer und Klage - stehendes Violinkonzert „Concerto funebre“ einläuten. Auch verleiht er bereits seiner frühesten Musik einen prägnanten Sprachcharakter, gleichsam eine sprachanaloge Faktur. Will man den Wurzeln seiner Klangsprache auf die Spur kommen, ist ein Blick auf die Einflüsse in der Entstehungszeit unabdingbar. Hier gilt es vor allen Dingen Hartmanns Erlebnisse des jüdischen Habima-Theaters als prägenden Einfluss wahrzunehmen: die synagogalen Gesänge, die jüdisch-folkloristischen Klänge der Schauspielmusik und deren melismenartige Melodieführung beeindruckten Hartmann tief. Er entdeckte das Fremde und fühlte gleichzeitig, dass das Fremde bereits im Eigenen latent vorhanden war. Gerade der Verwendung des jüdischen Volskliedes „Elijahu hanavi“ wächst besondere Bedeutung zu: Bei Hartmann gerät dieses Lied zur Klagechiffre für die Vernichtung des jüdischen Volkes, steht aber auch stellvertretend für die Unterdrückung, Verfolgung und Tötung aller Regimegegner. Diese und weitere jüdische Melodien verschmolz er ganz mit seiner eigenen Klangsprache und verwendete sie in all seinen Werken. Für Hartmann war dies aber nicht nur ein Akt demonstrativer Solidarität und Empathie, sondern eine bewusste „Gegenaktion“ gegen die Machthaber.

Bei einer genaueren Analyse der zwei Suiten und zwei Sonaten für Violine solo lassen sich neben den genannten auch weitere Einflüsse dingfest machen. In seinen Erinnerungen erwähnt Hartmann den tiefen Eindruck, den die Solo-Sonate für Bratsche op.25 Nr.1 von Paul Hindemith bei ihm hinterließ. So verwundert es nicht, dass der junge Hartmann sowohl im 3. Satz seiner 1. Sonate („Verrückt schnell, unschön spielen“) als auch im 4. Satz der 2. Sonate („Sehr wild und roh im Vortrag“) direkt Bezug darauf nimmt, obwohl sich der inhaltliche Gestus der Musik bereits deutlich von der Tonsprache Hindemiths löst. Vorwärtstreibende Motorik, hechelnde, gehackt und getrieben wirkende Tonrepetitionen sowie dynamische Extreme imaginieren innere Kämpfe einer sich in Not befindlichen menschlichen Seele und lassen schon im Frühwerk Späteres ahnen. Karl Amadeus Hartmann greift in allen vier Werken gerne auf barocke Ordnungsprinzipien zurück. So beginnen und beschließen jeweils Kontrapunktalformen wie Fuge (ergänzt durch die Toccata), Canon und Ciaccona die 1. Sonate wie die 1. Suite. Kanon- und Fugentechniken sollten Hartmann, insbesondere zur Darstellung eines inneren Ungleichgewichts bei einer gleichzeitig gewahrten äußerlichen Ordnung, in seiner Werkgenese nie mehr loslassen. Nach Bach und Reger dürfte es wohl erst wieder Hartmann gelungen sein, der Violine eine so ungewöhnlich komplexe Polyphonie zu schenken.

Wie für Karl Amadeus Hartmanns gesamtes Œuvre kennzeichnend, so bilden bereits hier die meist mittigen, von furiosen schnellen Sätzen umgebenen, langsamen Sätze einen inhaltlichen Gegenpol. Sie bilden eine beinahe körperlich erfahrbare Mitte. Mit dem 3. Satz der 2. Sonate finden wir einen der tiefgründigsten Sätze der gesamten Tetralogie vor: einen über einundachtzig Takte ausgebreiteten kontemplativen Gesang. Hartmann breitet eine innere Welt vor uns aus und kündet beinah prophetisch von kommenden Schrecken.

Die beiden Pole Vitalität und Trauer werden sowohl hier als auch dort scharf kontrastierend angewandt und entpuppen sich als das eigentliche Movens, aus dem Karl Amadeus Hartmann sein kompositorisches Spannungsfeld entwickelt. Kontinuierlich befreit er sich von traditionellen Form- und Gestaltungsmitteln, kreiert eigene Motiv-Strukturen, die er mit einer konkreten Aussage verbindet, und erzeugt dadurch die seiner Klangsprache eigene Brüchigkeit. In der Expressivität seiner Musiksprache, in der Dichte und Intensität der Strukturen, in ihrer enormen Steigerung von Tempo und Dynamik, gewinnt Hartmanns Musik ganz eigencharakteristische Züge – eine Intensität der Klangsprache, die man in ihrer Unmittelbarkeit sofort erkennt und nie mehr vergisst.

(Andreas Hérm Baumgartner)





 
letzte Änderung

(18.07.2014 - 16:25 Uhr)

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Karl Amadeus Hartmann (1905-1963)
Sonaten und Suiten für Violine solo (1927)
nach dem Autograph

Paul Hindemith (1895-1963)
Sonate op. 31 Nr. 2 für Violine solo (1924), 4.Satz Variationen über "Komm lieber Mai" (W.A. Mozart)

Renate Eggebrecht, Violine
VIOLIN SOLO Vol.8 - Karl Amadeus Hartmann - Cover
Renate Eggebrecht
Karl Amadeus Hartmann