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Geschichten über die Geige

 Der Geigenspieler und die Seele

   In dem Dorfe Gwiazdowo im Kreis Sroda lebte einmal ein junger Bursche von achtzehn Jahren, dessen Eltern frühzeitig gestorben waren, und so war er schon als Kind auf die Mildtätigkeit anderer Leute angewiesen. Da ihn niemand erzog und er niemals zur Arbeit angehalten worden war, lungerte er den ganzen Tag herum, und wenn ihn der Hunger quälte, erbettelte er sich ein Stückchen Brot. Als er aber älter geworden war, wollte ihm in seinem Heimatdorfe niemand mehr etwas geben, sondern man riet ihm, sich durch Arbeit selbst sein Brot zu verdienen, wie es alle anderen jungen Leute seines Alters auch tun müßten. Er hatte aber nichts gelernt, und da er auch keine Lust hatte zu arbeiten, so verließ er das Dorf und wanderte aus.
   Auf seinem Wege kam er durch einen dichten Wald. Während er nun darüber nachdachte, auf welche Weise er sich wohl am leichtesten sein Brot verdienen könnte, kam ihm ein feingekleideter Mann entgegen, der ihn nach dem Ziel seiner Wanderung fragte. Traurig erwiderte ihm der Jüngling, daß er selbst noch nicht wisse wohin, aber er müsse sich sein Brot verdienen, da ihm niemand mehr etwas geben wolle. Darauf sagte der Mann:

                            »Ja ci dam skrzypeczki, 
                            Ty mi dasz duszyczke!«

das heißt: Ich gebe dir eine Geige, du gibst mir dafür die Seele. Aus diesen Worten erkannte der Jüngling sofort, daß es der Teufel war, der mit ihm sprach. Zwar bekam er zuerst Angst, jedoch der Teufel redete ihm sehr freundlich zu, und bald einigten sie sich dahin, daß der Teufel dem Jüngling zu einem sorglosen Leben verhelfen, der Jüngling aber dafür nach fünfzig Jahren sterben müsse und die Seele dann dem Teufel gehören würde. Der Jüngling nahm also die Geige und ging fort. Ohne daß er es jemals gelernt hatte, spielte er meisterhaft alles, was er wollte, und so wurde er bald ein berühmter und vielbegehrter Künstler.
   Rasch vergingen die fünfzig Jahre, und als der Tag herannahte, an dem er sich wie abgemacht mit dem Teufel treffen sollte, begab sich der Geigenkünstler in den Wald an die Stelle, wo ihm der Teufel damals die Geige gegeben hatte. Langsam und traurig wanderte er dahin. Da begegnete er einer Frau, die ihn fragte, warum er so traurig sei. Daraufhin erzählte er ihr, daß er dereinst einen Bund mit dem Teufel geschlossen habe, nun aber sei die Frist abgelaufen und er sei auf dem Wege, seine Seele vertragsgemäß abzuliefern. Die Frau sprach ihm Mut zu und legte ihm dar, daß nicht nur der Mensch, sondern auch die Geige eine Seele habe. Wenn nun der Teufel komme und die Seele fordere, so solle er sagen:

                            »Potrzaskam skrzypeczki 
                            A oddam ci duszyczke!«

das heißt: Ich zerschlage die Geige und gebe dir ihre Seele. Der Geigenspieler dankte beglückt für diesen Rat und versprach, so zu handeln. Als er zu dem Teufel kam, schleuderte er die Geige so zu Boden, daß sie zerbrach, hob dann dieses Stückchen auf, welches die Seele der Geige genannt wird, und überreichte es dem Teufel, indem er dazu die Worte sprach, die ihn die Frau gelehrt hatte. Der Teufel knirschte vor Wut mit den Zähnen, fing an gotteslästerlich zu fluchen und verschwand. Die Leute aber erzählen sich, daß man noch heute den Teufel fluchen hört, wenn man um Mitternacht an dieser Stelle des Waldes vorbeigeht.



Die verzauberte Geige

   Es war einmal ein Junge, der ging zum Pfarrer in Dienst und wurde von ihm als Hirt angestellt. Der Junge besaß eine Geige, und wenn er das Vieh in der Früh auf die Weide trieb und dieses schon lange genug geweidet hatte, aß der Hirt sein Frühstück und begann dann zu spielen. Das Vieh tanzte zu seiner Melodie. Man berichtete darüber dem Pfarrer, welcher aufs Feld ging und sich im Buchweizen versteckte. Der Junge ließ das Vieh weiden, aß dann ein reichliches Frühstück und begann nachher wieder auf seiner Geige zu spielen. Das Vieh tanzte, der Herr Pfarrer tanzte auch, so daß er sich sein Schuhwerk und seinen Priesterrock zerriß. Als der Junge zu spielen aufhörte, lief der Pfarrer auf Seitenwegen, damit es niemand sehe, nach Hause; doch sagte er dem Hirten darüber nichts. Er klagte ihn jedoch vor Gericht an, und der Junge wurde zum Galgen verurteilt.
   Als er gehängt werden sollte, wünschte er sich, noch einmal auf seiner Geige spielen zu dürfen. Der Pfarrer sprach:
   »Laßt ihn ja nicht spielen! Ja nicht!«
   Aber sie ließen ihn doch spielen, und als er zu spielen begann, mußten die Richter tanzen, der Henker brach sich ein Bein, der Pfarrer tanzte auch und rief immerzu:
   »Ich habe euch doch gesagt: Laßt ihn nicht spielen!«
   Der Junge aber schwebte empor und wurde von den Engeln zum Himmel getragen.


Polnische Volksmärchen, Hgb. Ewa Bukowska-Grosse, Erwin Koschmieder
©  Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf   1967


 

 

 

 

 

 




 
letzte Änderung

(18.07.2014 - 17:17 Uhr)

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