TROUBADISC Music Production
0 Titel im
Warenkorb / AGB 
DEUTSCH
ENGLISH

Die natürlich-harmonische -  bzw. Quint-Terz Stimmung

"Vorwärts, vor zur Natur!"   A. Schönberg, Harmonielehre, 1911

Schon vor einigen Jahren bei der Veröffentlichung von Max Regers Violin-Solosonaten op.91 durch die Geigerin Renate Eggebrecht, hatte diese Künstlerin in einem Interview für das Magazin Klassik heute auf die Frage des Journalisten, wie sie bei dieser Musik mit der Intonation umgehe, darauf hinge-wiesen, dass es bei Regers durchgehend mehrstimmigen Sonaten nicht möglich sei, die Interpretation ‚pythagoreisch’, also mit engen Halbtönen und erhöhten Leittönen oder, noch undenkbarer ‚temperiert’ anzulegen (Pablo Casals’ Vorstel-lung einer „expressiven Intonation“ ist allerdings für Mehr-stimmigkeit noch unbrauchbarer). 

Das hat bei manchen Fachleuten zu Missverständnissen geführt, wohl deswegen, weil viele der oberflächlichen, dogmatischen Ansicht sind, dass die Geiger sich um die als ideal geltende ‚temperierte’ Stimmung zu bemühen hätten, da sonst die Intonation zwangsläufig „falsch“ sein muss. Dabei genügt als Argument natürlich nicht, man hätte in der Jugend auch Geige gespielt und deswegen wüsste man Bescheid usw. —

Genauso wie für die Bach’schen Solosonaten wie für Regers Solowerke brauchen wir ein in reinen Quinten gestimmtes Instrument (schon deshalb nicht „temperiert“), sowie reine Terzen und Septimen, alle anderen Vorstellungen sind wirklichkeitsfremd (die einfache Faustregel # hoch b tief führt bei Mehrstimmigkeit auch in den Wald).
Nur bei sauber intonierten Intervallen kommt es zu einem Zusammenfallen und Sich-Verstärken von Obertönen, nur so hat der gesamte mehrstimmige Akkord einen sauberen Nachhall, der lange im Raum stehen bleibt.
Der Geiger Emil Telmányi, der die Bach-Partiten in den 50er Jahren  einspielte, sagte dazu:

“Die freie Resonanz der Obertöne hängt von der richtigen Tonhöhe ab, von einem wohlgestimmten Instrument und von einem absolut reinen, nicht temperierten Spiel. Verstimmte Akkorde klingen nicht nur falsch, sie haben eine schlechte Resonanz wegen der Interferenz der disharmonischen Schwingungskurven und wegen des Mangels an Obertönen."
 
(Musical Times 1/1955)

Zu oft wird die Intonation zum „ideologischen Thema“ verzerrt, hier die „temperierten Fortschrittsapostel / da die reaktionären Reinheitsapostel“. So kann man ohne viel Nachdenken zur Tages-(Musik)politik übergehen.
Einem Streicher, der mit bestimmten Stücken seine Mühe hat und gerade bei tonal hochkomplexen Gebilden, wie z.B. Regers Musik, schwer zurecht kommt ist damit nicht geholfen!
Leider ist die Unkenntnis auf diesem Gebiet sehr groß und geht bis zu der „wissenschaftlichen“ Behauptung, der Mensch könne reine Quinten gar nicht hören (Musik-Konzepte).

Eine kürzlich in einem Klavierfachblatt erschienene Abhandlung 'über die wahre Art' das Klavier zu stimmen, konnte die heutige Konfusion auch nicht erhellen.
Die Geigerin Renate Eggebrecht ist sehr dankbar für die umfassende Behandlung dieses Themas durch Jutta Stüber in ihrem Buch: Die Intonation des Geigers. Hier werden sowohl historische, theoretische und praktische Fragen ausführlich und verständlich angegangen:

Es sind nicht nur die Anfänger, die ihre Last mit der Intonation haben. Jeder Geiger hat sie, selbst die besten. Wer es nicht glauben mag, besorge sich die berühmten Einspielungen der Solosonaten und  -partiten von Bach und höre sich beispielsweise in die E-Dur-Partita ein. Von ihr sagt Joachim Hartnack in seiner Darstellung der „Großen Geiger unserer Zeit“, dass es kaum einen Geiger gibt, der dieses Stück wirklich akkurat sauber spielt – Szeryng und Menuhin eingeschlossen.

Wer es noch ‚wissenschaftlicher’ möchte, sollte sich Martin Vogels Buch Die Lehre von den Tonbeziehungen vornehmen:
In Fragen der Intonation verlassen sich die meisten Musiker auf das Ohr – durchaus zurecht: das auf Mehrstimmigkeit ausgerichtete Ohr „hört alles“, hört selbst Abweichungen von einem Hundertstel eines Ganztons. Bei schwierigen Stellen wäre es aber gut, wenn sich der Praktiker – der Streicher, Bläser, Sänger – auch in der Theorie auskennte. Unsere Mehrstimmig-keit erfordert reine Terzen, reine Terzen haben aber die Unter-scheidung von großen und kleinen Ganztönen, von diatonischen und chromatischen Halbtönen im Gefolge. Wer sich bei den ‚Tonbeziehungen’ nicht auskennt, wird häufig fehlgehen. Das Ohr „hört alles“.

Das führt uns in das Reich der Enharmonik, wo sich viele Geistesgrößen tummeln, wie auch Max Reger ("O, es gibt noch viele, viele Nord- und Südpole in der Harmonik"), oder die Komponistin und Musiktheoretikerin Johanna Kinkel (1810-1858) - siehe ihren Artikel über Chopins Vierteltöne - .

Nutzen Sie unser Forum, um sich mit uns und anderen Musikern auszutauschen, Anregungen zu geben und Fragen zu stellen. Wir würden uns freuen, wenn unsere wenigen Sätze zu einer interessierten, unaufgeregten Diskussion führen würden.

Jutta Stüber: Die Intonation des Geigers, Band 52, 371 Seiten Martin Vogel: Die Lehre von den Tonbeziehungen, Band 16, 480 Seiten Orpheus-Verlag GmbH Eduard-Otto-Str. 41 53129 Bonn

Johanna Kinkel: Chopin als Komponist, Musikzeitschrift Dissonanz Nr.8 / 1986
Auszug aus diesem Artikel:

Über Chopin ist der Geist einer neuen Musik gekommen; er hat sich ihm in Melodien offenbart, die ihn wie Träume der Zukunft umströmen. Die vorhandenen Intervalle sind fast zu plump und zu breit, um seine ätherischen Intervalle wiederzugeben; darum schleichen sie widerstrebend durch die chromatischen Verhält-nisse der Tonleiter und suchen nach den noch feineren Verhält-nissen, die die enharmonische Verwechslung bietet.

...Ein Schüler Chopins, ein sehr guter Spieler, hatte eine ‚Ballade’ tadellos vorgetragen, als eine Dame mir ins Ohr flüsterte: „Das Stück mag ja ganz hübsch sein, aber wir finden alle, dass der Herr so häufig danebenschlägt, spielen Sie uns lieber etwas vor!“ Man hatte ein ziemliches Vertrauen zu meiner Korrektheit, aber als ich kaum ein paar Takte von Chopin gespielt hatte, rief die Dame voll Entsetzen: „Aber, mein Gott, was ist denn das? — Sie spielen ja heute auch falsch!“

Man muss wirklich einige Charakterstärke besitzen, um sich von alten Musiklehrern und –kennern so weit zu emanzipieren, dass man trotz allen Spotts und Hohns seine Stücke andächtig ein-studiert. Wer nicht als Einsiedler in seiner Studierstube lebt, wird dies ohne Kampf mit der eben im Vertrocknen begriffenen musi-kalischen Generation kaum durchsetzen können. Wir dürfen uns nicht ableugnen, dass wir schon einen Zeitraum berühren, der Wohlklänge in Modulationen anerkennt, die so fein gespalten sind, dass ein unvorbereitetes oder abgestumpftes Ohr sie falsch hört...
Johanna Kinkel

©  Troubadisc 




 
letzte Änderung

(18.07.2014 - 17:17 Uhr)

CMS myty by tyclipso.net ©2005
troubadisc.de a belle artes project
 

 

... "Was ist das für ein Grün?" - "Was ist das für ein Rot und Blau, das Sie verwendet haben?" waren an mich die Fragen der Maler. "Es sind die gleichen Farben, die jeder Maler auf seiner Palette hat", war meine Antwort.

Eine Farbe bestimmt durch ihre Nähe das Ausstrahlen der Nachbarfarbe, genau so wie in der Musik der Ton im Akkord von seinem Nachbarton seine Klangwirkung erhält. ...

Emil Nolde 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



 

   


"Die Fortschrittsfeinde in wahrhaft selbstloser Bemühung"
Jean Cocteau, 1923