Intellectual – or rather spiritual:
Modern sacred music from Estonia on Troubadisc
It is a pleasure for us to be able to recommend to reviewers some glowing music from the “land of the white nights”. There is an impressive number of composers from Estonia who have made a name for themselves both in their home country and on the international scene. The best-known is of course the self-exiled Arvo Pärt, though he is not necessarily the most typical.
His potentially popular “Tintinnabuli system” would have been unthinkable without its Estonian roots, which makes him an essential ingredient of the new Troubadisc CD, recorded by the Orthodox Singers under Valery Petrov. Three movements from the Kanon Pokajanen (“Canon of Repentance”), composed ten years ago, bring to an end the captivating and many-layered programme sung by this small and select unaccompanied chamber choir from Tallinn, whose performances are imbued from first to last with a spirituality which allows the concept of new religious music to appear in a light that transcends all the demarcations between the various faiths.
This recording presents antiphons written by Andres Uibo in 2005 for the Orthodox Singers and two works, “At the Crossroads” (1991) and “Church Tower Bell in My Village” (1978), by the eminent choral composer Veljo Tormis.These pieces are symptomatic insofar as they articulate a certain self-awareness rising from deep cultural regions, sometimes combined with a spirit of protest which, far from courting pity, makes gestures that are proudly “dissident” and “national”. According (somewhat surprisingly) to the Portuguese poet Fernando Pessoa, the sound of a church bell was, in those days of Soviet domination, an aural signal that was not at all to the taste of the men in power in the Kremlin.
Wochen-Kurier
mit dem Heidelberger Amtsanzeiger 30. Januar 2008
Wenn die deutsche Gleichung vom Verhältnis zwischen Bosheit und fehlendem Gesangsrepertoire tatsächlich stimmen sollte, müßte Estland inzwischen aus mehrfachen Gründen überlaufen sein, denn das kleine Völkchen mit den großen Stimmen, der herrlich weiten Landschaft und dem unerhörten Sinn für eine Musik, in der sich Tradition und Neuerung nicht widersprechen – diese Menschen haben so viele Lieder, daß man sich ruhig dort droben, am nördlichsten Zipfel des Baltikums, niederlassen könnte.
Beeindruckend ist die Zahl der estnischen Komponisten, die sich in ihrer Heimat und inzwischen auch auf der internationalen Bühne einen Namen gemacht haben. Dabei ist Arvo Pärt, der Exilant, zwar gewiß der bekannteste, nicht aber einmal unbedingt der typischste Repräsentant – wenngleich seine kultverdächtigen »Tintinnabulismen« ohne die estnischen Wurzeln sicherlich undenkbar gewesen wären und er eben deshalb auch auf der neuen Troubadisc-CD nicht fehlen darf, die der Kammerchor der Orthodox Singers unter Leitung von Valery Petrov aufgenommen hat: Drei Sätze aus dem vor zehn Jahren entstandenen Kanon Pokajanen (»Kanon der Buße«) beschließen das hinreißend vielschichtige a cappella-Programm des kleinen, erlesenen Ensembles aus Tallinn, dessen Darbietungen vom ersten bis zum letzten Takt von einer Spiritualität geprägt sind, die den Begriff Neue geistliche Musik in einem über alle konfessionellen Grenzen hinaus strahlenden Licht erscheinen läßt.
Die Antiphonen, die Andres Uibo 2005 eigens für die »Orthodoxen Sänger« verfaßte, und die beiden hier
aufgenommenen Werke des berühmten Chorkomponisten Veljo Tormis – Am Kreuzweg (1991) und Kirchturmglocke in meinem Dorf (1978) – sind insofern symptomatisch, als sich in ihnen ein aus tiefen kulturellen Regionen emporsteigendes Selbstbewußtsein artikuliert, ein Widerspruchsgeist mitunter, der überhaupt nicht nach Mitleid schielt, sondern sich voller Stolz »dissidentisch« und national gebärdet: Gerade die Kirchturmglocke nach Worten des portugiesischen (!) Dichters Fernando Pessoa war zur Zeit der Sowjetherrschaft ein gesungenes Fanal, das den Machthabern im Kreml gar nicht schmecken wollte ...

Orthodox Singers
New York 2002